2020 haben am nunmehr dritten Preisausschreiben insgesamt 15 Absolvent*innen von sechs Thüringer Hochschulen (der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Ernst-Abbe-Hochschule Jena, Universität Erfurt, Fachhochschule Erfurt, Bauhaus-Universität Weimar und Hochschule Nordhausen) mit ihren Arbeiten teilgenommen. Die thematische Palette der eingereichten Bachelor- und Masterarbeiten sowie Dissertationsschriften war dabei sehr vielfältig – unter den Einreichungen waren Arbeiten aus den Fachgebieten der Soziologie, Geschichtswissenschaft, Sozial- und Verhaltenswissenschaft, Psychologie, Sozialen Arbeit, Internationale Beziehungen, Stadt- und Raumplanung sowie Urbanistik vertreten.
Im Dezember 2020 konnte die Auswahl der preistragenden Arbeit unter den vielen ausgezeichneten Arbeiten durch den Wissenschaftlichen Beirat des TKG als Auswahlgremium abgeschlossen werden: Der Preis „Vielfalt trifft Wissenschaft“ ging 2020 an Clara Winkler (Universität Erfurt) mit ihrer Bachelorarbeit „Women, Peace and Cybersecurity. Widening the Security Discourse by bringing Cybersecurity into the UN Women, Peace and Security Agenda“.
Die prämierte Arbeit beschäftigt sich mit dem Problem der Sicherheit von Frauen im Cyberspace und stellt eine Verbindung zwischen feministischen Sicherheitsstudien und dem hochaktuellen Thema Cybersecurity her: „Feminists have long been working on redefining security and with other emerging challenges like cybersecurity such a redefinition gets more urgent than ever before. Because with traditional security terms the international community is not capable of dealing with any security threats that appear either in the private sphere and/or contain non-kinetic energy, and which are carried out by individuals but nevertheless are affecting lives in the whole world.” (Clara Winkler) So zeigt die Arbeit, wie bereichernd eine Perspektive der Cybersicherheit für die WPS-Agenda sein kann und dass diese zu Veränderungen der Rechtsnormen für Frauen im internationalen Recht sowie die Art und Weise, wie Gewalt gegen Frauen vom UN-Sicherheitsrat ernst genommen wird, führen könnte.
Am vierten Preisausschreiben „Vielfalt trifft Wissenschaft“ haben Absolvent*innen von fünf Thüringer Hochschulen (Friedrich-Schiller-Universität Jena, Universität Erfurt, Bauhaus-Universität Weimar, Technischen Universität Ilmenau und Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar) teilgenommen. Unter den eingereichten Arbeiten waren Bachelor- und Masterarbeiten sowie Dissertationsschriften aus den Bereichen Soziologie, Geschichtswissenschaft, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Musikwissenschaft, Internationale Beziehungen, Architektur sowie Urbanistik vertreten.
Preisträgerin im Jahr 2021 ist Elisabeth Zettel (Friedrich-Schiller-Universität Jena) mit ihrer Bachelorarbeit „Grenzen der Gleichstellungspolitik. Zur Kontinuität geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung im deutschen Wohlfahrtsstaat“.
Die prämierte Arbeit fragt nach Erfolgen und Grenzen von Gleichstellungspolitik mit besonderem Fokus auf der Wohlfahrtsstaatpolitik in der BRD und der Bedeutung und Kontinuität geschlechtsspezifischer und geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung. Schwierigkeiten in der Umsetzung von Gleichstellungpolitik lassen sich laut der Autorin zusammenfassend auf folgende Problematik zurückführen: „Institutionalisierte Gleichstellungspolitik ist vor allem einer Eingliederung von Frauen in die männlich geprägte Erwerbsarbeit verschrieben und bleibt oft Formalität zu Image-Zwecken. Dies zeigt sich besonders im neoliberalen Wohlfahrtsstaat, der auch weiterhin auf geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung basiert. Eine Beachtung weiblicher Perspektiven, insbesondere hinsichtlich unbezahlter Reproduktionsarbeit, bleibt dabei nachrangig und Möglichkeiten der grundsätzlichen Analyse und Veränderung von Geschlechterverhältnissen – aber auch Lebensverhältnissen insgesamt – ungenutzt. […] Zentraler Grund für bestehende Ungleichheiten bleibt also die Verbindung und wechselseitige Abhängigkeit patriarchaler und kapitalistischer Verhältnisse, die durch die Trennung und Hierarchisierung von Produktion und Reproduktion verdeckt wird. Frauen kommen aus ihrer Rolle nicht heraus, weil sie nur mit zusätzlichen Anforderungen konfrontiert werden, aber keine oder zu wenig Entlastung erfahren.“ (Elisabeth Zettel)
Am fünften Preisausschreiben „Vielfalt trifft Wissenschaft“ im Jahr 2022 haben Absolvent*innen von acht Thüringer Hochschulen (Friedrich-Schiller-Universität Jena, Universität Erfurt, Fachhochschule Erfurt, Bauhaus-Universität Weimar, Technische Universität Ilmenau, Duale Hochschule Gera-Eisenach, Ernst-Abbe-Hochschule Jena und Hochschule Schmalkalden) teilgenommen.
Unter den eingereichten Arbeiten sind Bachelor-, Masterarbeiten, Staatsexamensarbeiten und Dissertationsschriften aus den Bereichen Biologie, European Urban Studies, Stadt- und Raumplanung, Soziale Arbeit, Amerikanistische Literaturwissenschaft, Neuere Englische Literaturwissenschaft, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Medienpsychologie, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Media Art and Design, Interkulturelle Personalentwicklung und Kommunikationsmanagement, Global Communication, Geschichtswissenschaft, Theologie, Religionswissenschaft, Internationale Beziehungen, Wirtschaftswissenschaften sowie Deutsch als Fremd- und Zweitsprache vertreten.
In 2022 wurde der Preis mit einem geteilten Preisgeld an zwei Preisträgerinnen des 1. Platzes an Anne-Kathrin Ballhaus (Friedrich-Schiller-Universität Jena) für ihre Staatsexamensarbeit „Zeitgemäße sexuelle Bildung an weiterführenden Schulen“ sowie Arnisa Halili (Bauhaus-Universität Weimar) für ihrer Masterarbeit „Umgang selbständiger migrantischer Frauen in familiengeführten Restaurants mit der COVID-19-Pandemie. Eine Analyse veränderter Arbeitsräume“ vergeben.
Kurzzusammenfassung der Masterarbeit von Arnisa Halili: „Umgang selbständiger migrantischer Frauen in familiengeführten Restaurants mit der COVID-19-Pandemie. Eine Analyse veränderter Arbeitsräume“
Die an der Bauhaus-Universität Weimar im Fach European Urban Studies vorgelegte Masterarbeit stellt die im medialen und wissenschaftlichen Diskurs bislang kaum beachtete Perspektive selbstständiger migrantischer Frauen in familiengeführten Restaurants während der COVID-19-Pandemie in den Mittelpunkt.
In einer innovativen Verknüpfung von Stadt-, Geschlechter- und Rassismusforschung analysiert die Autorin familiengeführte Restaurants aus einer (post-)migrantischen und post/pandemischen Perspektive als komplexe gesellschaftliche Räume. Sie stellt Umgangsstrategien selbstständiger migrantischer Frauen in familiengeführten Restaurants während der COVID-19-Pandemie ebenso wie die Bedeutung von (familiengeführten) Restaurants für eine (Stadt-)Gesellschaft heraus. Neben den während der COVID-19-Pandemie veränderten Erwartungen und Funktionen sowie der Intensivierung von Care, Kontrolle und Machtverhältnissen im Raum, macht die Arbeit die gesellschaftliche Bedeutung der Arbeitsräume migrantischer Frauen in der Gastronomie sichtbar und zeigt mittels welcher Strategien Frauen in ihren Arbeitsräumen Resilienz schaffen konnten.
Kurzzusammenfassung der Staatsexamensarbeit von Anne-Kathrin Ballhaus „Zeitgemäße sexuelle Bildung an weiterführenden Schulen“:
Mit Blick auf schulische sexuelle Bildung in Thüringen richtet die für das Lehramt an Gymnasien an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Fach Biologie vorgelegte Staatsexamensarbeit den Fokus auf einen inklusiven und vielfaltssensiblen Bildungsanspruch an weiterführenden Schulen (Sekundarstufe I und II).
In einer umfassenden und fundierten Analyse vergleicht die Autorin die Forderungen an zeitgemäße sexuelle Bildung mit der tatsächlichen Umsetzung im Unterricht, Thüringer Rahmendokumenten sowie der Lehrkräfteaus- und -weiterbildung. Sie lotet mögliche Entwicklungspotenziale schulischer sexueller Bildung aus und leitet konkrete Vorschläge zum (bildungs-)politischen Rahmen, der Lehrkräftebildung und dem Unterrichtshandeln für Thüringen ab.
Um angehenden Biologielehrkräften in Thüringen zur Weiterbildung und ausbildenden Institutionen zur Entwicklung ihrer Angebote ein praktisches Instrument an die Hand geben zu können, fasst die Autorin im Anschluss die wichtigsten Grundlagen, Vorschläge und Literaturhinweise in einer kompakten und visuell ansprechenden Handreichung zusammen.
Mit Förderung der Thüringer Staatskanzlei sowie Unterstützung des Landesausschusses Diversity der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wurde die Handreichung von der Autorin im Anschluss unter dem Titel “Sexuelle Bildung vielfaltssensibel gestalten. Wissen, Reflexion, Methoden & Hinweise für Lehrkräfte in Sekundarstufe I und II” in einer überarbeiteten Fassung herausgegeben und kann über die Website des Landesausschusses Diversity der GEW Thüringen hier als pdf-Version heruntergeladen werden:
Am sechsten Preisausschreiben „Vielfalt trifft Wissenschaft“ im Jahr 2023 haben Absolvent*innen von fünf Thüringer Hochschulen (Friedrich-Schiller-Universität Jena, Universität Erfurt, Bauhaus-Universität Weimar, Technische Universität Ilmenau, Duale Hochschule Gera-Eisenach) teilgenommen.
Unter den eingereichten Arbeiten sind Bachelor-, Masterarbeiten, Staatsexamensarbeiten und Dissertationsschriften aus den Bereichen Psychologie, Kinder- und Jugendmedien, Biologiedidaktik, Umweltingenieurswissenschaften, Christliche Sozialwissenschaft und Sozialethik, Soziale Arbeit, Public Policy, Public Art and New Artistic Strategies, Germanistische Sprachwissenschaft, Soziologie, Medizin, Integrated Urban Development and Design, Gesellschaftstheorie, Medienkultur, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Media Art and Design, Interkulturelle Personalentwicklung und Kommunikationsmanagement, Global Communication, Geschichtswissenschaft, Theologie, Religionswissenschaft, Internationale Beziehungen, Wirtschaftswissenschaften, Erziehungswissenschaft und Grundschulpädagogik vertreten.
In 2023 wurde der Preis mit einem geteilten Preisgeld an drei Preisträger*innen mit einem 1. Platz und zwei 2. Plätzen vergeben.
ERSTER PLATZ
Der erste Platz 2023 wurde mit einem Preisgeld von 1.000,00 € an Laura Reimers (Hochschule Nordhausen) für die Masterarbeit „Misogynie in Paarbeziehungen – Aus der Perspektive betroffener Personen“ verliehen.
Kurzzusammenfassung Laura Reimers (Hochschule Nordhausen): „Misogynie in Paarbeziehungen – Aus der Perspektive betroffener Personen“
„Misogynie ist allgegenwärtig. Sie dient dazu, patriarchale Strukturen aufrechtzuerhalten, indem sie Frauen* mit negativen Konsequenzen belegt, wenn diese gegen geschlechtsspezifische Rollen und Erwartungen verstoßen. Durch die bestehenden patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft befindet sie sich in jedem Lebensbereich. Dabei stellen insbesondere heterosexuelle Paarbeziehungen einen relevanten Bereich für dieses Phänomen dar, da in diesem Kontext weibliche auf männliche Personen treffen und Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern reproduziert werden. Doch aufgrund variierender Ausprägungen wird nicht jede Form von Misogynie als solche erkannt. So gehen beispielsweise physischer Gewalt subtile Formen voraus. Trotz der hohen Relevanz von Misogynie in Paarbeziehungen stellt diese Thematik im deutsch- und englischsprachigen Raum eine Forschungslücke dar. An dieser setzt die durchgeführte qualitative Interviewstudie an, indem Paarbeziehungen betroffener Frauen* analysiert und fallübergreifende Parallelen ausgemacht wurden. Diese ermöglichten es, ein Ablaufschema zu erstellen, welches nachzeichnet, wie sich Misogynie in Paarbeziehungen entwickelt, bis sie in physische Gewalt eskaliert. Die Erkenntnisse der Untersuchung können dabei helfen, sowohl Fachkräfte als auch (potenziell) Betroffene und Ausübende für Misogynie sowie deren subtile Ausprägungen zu sensibilisieren.“
ZWEITER PLATZ
Der zweite Platz wurde mit einem Preisgeld von jeweils 500,00 € an Tillmann Schroeder (Bauhaus-Universität Weimar) für die Masterarbeit „Alltagsmobilität, Gender und Sorgearbeit – Sichtbarmachung spezifischer Mobilitätsansprüche für eine Perspektivendiversifizierung in der Verkehrsplanung“ sowie an Camilo Londoño Hernández (Bauhaus-Universität Weimar) für die Masterarbeit „Body Translations: The Forest Inside Me“ verliehen.
Kurzzusammenfassung Tillmann Schroeder (Bauhaus-Universität Weimar): „Alltagsmobilität, Gender und Sorgearbeit – Sichtbarmachung spezifischer Mobilitätsansprüche für eine Perspektivendiversifizierung in der Verkehrsplanung“
„Die Arbeit thematisiert gendersensible Verkehrsplanung mit Fokus auf den Radverkehr. Es wird herausgearbeitet, dass bestehende Strukturen nicht die Bedarfe aller Menschen gleichermaßen berücksichtigen und sich daraus ungleichwertige Mobilitätszugänge ergeben. Zunächst werden geschlechtsspezifische Ansprüche und Unterschiede im Mobilitätshandeln beschrieben. Im Folgenden wird das Begriffsverständnis von Geschlecht um die soziale Dimension Gender erweitert, um zu verdeutlichen, dass Mobilitätsbedarfe und Kennwerte mit sozialen Rollen und zugeschriebenen Aufgabenfeldern einhergehen. Fokuspunkte sind hierbei die Themenbereiche subjektive Sicherheit und Begleitmobilität von Kindern. Es wird erläutert, dass der Fokus auf Menschen mit ihren Bedürfnissen und Tätigkeitsbereichen für eine bedarfsgerechte Radverkehrsplanung notwendig ist und ein Fokus allein auf das Verkehrsmittel Fahrrad vielfältige Bedarfe verschleiert. Anschließend werden das Radverkehrskonzept sowie statistische Daten von Mobilitätserhebungen der Stadt Weimar untersucht und es wird dargelegt, dass genderspezifische Bedarfe nur unzureichend quantitativ dargestellt werden können. Auf diesen Defiziten aufbauend wurde explorativ ein qualitativer methodischer Ansatz entwickelt, um Perspektiven und spezifische Bedarfe von Menschen, welche Kinder mit dem Fahrrad begleiten, herauszuarbeiten. Die Arbeit betont die Notwendigkeit der Analyse sozialer Implikationen von vermeintlich rein technischen Belangen.“
Summary Camilo Londoño Hernández (Bauhaus-Universität Weimar): „Body Translations: The Forest Inside Me“
„Body Translations: The forest inside me is an autoethnographic essay and series of performative readings where Camilo, a queer Colombian artist living in Germany, narrates his first days taking antiretrovirals and their side effects. After sharing his diagnosis as HIV positive with his mom, she, who was familiar with medical language, told him: ‚I remember during my bacteriology classes going to the lab to look at different types of viruses and bacteria. We never analyzed HIV, but I was surprised to see something like a myriad of trees in the microscope.‘ Since then, a forest has grown inside himself. HIV/AIDS tends to be represented from scientific and welfare discourses with a vertical, moralizing, and controlling look. An attitude that opens the way to an endless number of systematic discriminations. On the contrary, Camilo’s work amplifies a sensitive and critical approach to update and expand the debate regarding the HIV/AIDS pandemic. Here, he meditates on how biopolitics, virology, queer theory, and linguistics overlap with the ideas of virality, vitality, mortality, pharma codependency, and care. His project is a viral landscape of language(s) that brings other metaphors of naming positive imaginaries from the inside to question political and medical discourses regarding illness and healthy bodies. As one artistic research, it combines scientific criticism and the social interest of humanities with a sensible approach to arts.“
Am siebten Preisausschreiben Vielfalt trifft Wissenschaft im Jahr 2024 haben Absolvent*innen von sechs Thüringer Hochschulen (Friedrich-Schiller-Universität Jena, Universität Erfurt, Bauhaus-Universität Weimar, Fachhochschule Erfurt, Hochschule Nordhausen und Ernst-Abbe-Hochschule Jena) teilgenommen.
Unter den eingereichten Arbeiten sind Bachelor-, Masterarbeiten, Staatsexamensarbeiten und Dissertationsschriften aus den Bereichen Psychologie, Kinder- und Jugendmedien, Urbanistik, Soziale Arbeit, Soziologie, Gesellschaftstheorie, Philosophie, Media Art and Design, Freie Kunst, Geschichtswissenschaft, Katholische Theologie, Systematische Theologie/Ethik, Angewandte Ethik und Konfliktmanagement, Internationale Beziehungen, Wirtschaftswissenschaften, Management (Bau Immobilien Infrastruktur), Grundschul- und Primarstufenpädagogik sowie Spiel- und Medienpädagogik vertreten.
ERSTER PLATZ
Der erste Platz 2024 wurde mit einem Preisgeld von 1.000,00 € an Antonia Dölle (Universität Erfurt) für die Magistraarbeit „Traditionsbruch: Frauenordination im Judentum. Entwicklungen – Argumente – Perspektiven“ (Fach: Katholische Theologie) vergeben.
Kurzzusammenfassung der Arbeit „Traditionsbruch: Frauenordination im Judentum. Entwicklungen – Argumente – Perspektiven“ (Antonia Dölle, Universität Erfurt):
„Männlich dominierte Sozialstrukturen und eine religiös legitimierte Misogynie gehören zu den historisch überlieferten Gemeinsamkeiten der zeitgenössischen Religionen. Sie lassen sich nur dadurch überwinden, dass Frauen Zugang zu allen religiösen und leitenden Ämtern erhalten – so lautet die These, die der Magistra-Arbeit von Antonia Dölle zugrunde lag. Ziel der Arbeit war es, aus kulturwissenschaftlicher, theologischer und traditionshermeneutischer Perspektive den über 150 Jahre andauernden, konfliktiven Emanzipationsprozess von Frauen zum Rabbinat und dessen Auswirkungen auf die vier Denominationen des modernen Judentums in Deutschland und den USA – Reformjudentum, konservatives Judentum, Rekonstruktivismus und moderne Orthodoxie – zu untersuchen. Im Fokus standen dabei sowohl die historischen Entwicklungen als auch die Analyse innerjüdischer Debatten über die Einführung der Frauenordination. Im Ergebnis zeigte sich: Die Öffnung des Rabbinats für Frauen in den nicht-orthodoxen Strömungen ist als Resultat des gesellschaftlichen Wandels zu werten und wurde durch den Einfluss gleichstellungspolitischer Diskurse begünstigt. Die Arbeit verdeutlicht am Beispiel des Judentums, dass der uneingeschränkte Zugang von Frauen zu religiösen Leitungsämtern die entscheidende Notwendigkeit darstellt, um die patriarchalischen Strukturen und misogynen Systeme innerhalb einer bestimmten Religion zu überwinden – wenngleich die praktische Realisierung der vollen Gleichberechtigung damit noch nicht abgeschlossen ist.“ (Weiterführend siehe auch die Pressemittelung der Universität Erfurt vom 26.08.2025 hier)
ZWEITER PLATZ
Der zweite Platz wurde mit einem Preisgeld von jeweils 500,00 € an Lena-Marie Forkel (Friedrich-Schiller-Universität Jena) für die Staatsexamensarbeit „’Die ‚Wende‘ für uns Lesben.‘ Transformationsprozesse in der Lesbenbewegung der DDR am Beispiel der Jenaer Zeitschrift frau anders in den Jahren 1989/90″ (Fach: Lehramt an Gymnasien, Geschichte) und an Larissa Witte (Hochschule Nordhausen) für die Masterarbeit „Vergewaltigungsmythen in Sexualstrafverfahren: Erkenntnisse für die psychosoziale Prozessbegleitung“ (Fach: Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Therapeutische Soziale Arbeit) vergeben.
Kurzzusammenfassung der Arbeit „’Die ‚Wende‘ für uns Lesben.‘ Transformationsprozesse in der Lesbenbewegung der DDR am Beispiel der Jenaer Zeitschrift frau anders in den Jahren 1989/90″ (Lena-Marie Forkel, Friedrich-Schiller-Universität Jena):
„Die Arbeit untersucht die zentralen Zugehörigkeitsgefühle, Haltungen und Selbstverständnisse der ‚unter dem Dach der Kirche‘ organisierten Lesbenbewegung der DDR in ihrer Entstehung in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre und im Umbruch. Sie zeigt, wie die Beziehungen zur Evangelischen Kirche der DDR, zur Schwulenbewegung und zur nichtstaatlichen Frauenbewegung der DDR das spezifische Selbstverständnis der Mitglieder kirchlicher Lesbengruppen geprägt haben und wie sich diese Beziehungen durch die politische Demokratisierung und gesellschaftliche Pluralisierung bis Ende 1990 veränderten. Dabei wird besonders deutlich, dass viele lesbische Aktivist*innen als Reaktion auf die sich formierenden, von Männern geprägten Reformbewegungen in der Umbruchszeit den vorher schon befürworteten feministischen Kampf gegen patriarchale Strukturen ‚jetzt erst recht‘ zur Priorität machen und dieser dementsprechend Ende 1989 zum definierenden Faktor für das lesbische Selbstverständnis und die politische Arbeit wird. Grundlage für diese Analyse ist dabei die ab 1989 von der Jenaer Lesbengruppe gestaltete und ‚nur zum innerkirchlichen Gebrauch‘ herausgegebene Zeitschrift frau anders, in der sich Lesben aus der gesamten DDR vernetzten, Ideen austauschten und Positionen aushandelten und die bisher sowohl wissenschaftlich als auch erinnerungskulturell kaum die Beachtung findet, die sie verdient.“
Kurzzusammenfassung der Arbeit „Vergewaltigungsmythen in Sexualstrafverfahren: Erkenntnisse für die psychosoziale Prozessbegleitung“ (Larissa Witte, Hochschule Nordhausen):
„Hinsichtlich gerichtlicher Verfahren kann die psychosoziale Prozessbegleitung als Brücke zwischen dem Justizapparat und betroffenen Personen erachtet werden. Trotz vielfältiger Spezialisierungs-/ Qualifizierungsangebote im Kontext Sexualstrafverfahren, gibt es derzeit noch keine deutschsprachigen Publikationen, welche den bewussten Umgang mit Vergewaltigungsmythen thematisieren oder aus sozialwissenschaftlicher Perspektive kritisch einordnen. An dieser Lücke setzt die durchgeführte qualitative Studie an. Mit Hilfe leitfadengestützten Expert:inneninterviews werden zentrale Herausforderungen und fachliche Implikationen des Arbeitsfeldes herausgearbeitet. Die Ergebnisse verdeutlichen: Vergewaltigungsmythen beeinflussen die Begleitung von Betroffenen nachhaltig – mit weitreichenden Folgen. Durch die systematische Gliederung der Ergebnisse in vier zentrale Themenbereiche sowie deren Abgleich mit dem aktuellen Forschungsstand gelingt es der Arbeit, bestehende Erkenntnisse zu bestätigen und zugleich neue, praxisrelevante Impulse herauszuarbeiten. Die Untersuchung zeigt die Notwendigkeit der kritischen Reflexion institutioneller Machtverhältnisse, plädiert für einen sensiblen, betroffenenorientierten Umgang in Sexualstrafverfahren und liefert praxisnahe Handlungsempfehlungen zur Weiterentwicklung des Unterstützungssystems.“
Am achten Preisausschreiben Vielfalt trifft Wissenschaft im Jahr 2025 beteiligten sich insgesamt 25 Absolvent*innen von fünf Thüringer Hochschulen (Friedrich-Schiller-Universität Jena, Universität Erfurt, Bauhaus-Universität Weimar, Hochschule Nordhausen und Ernst-Abbe-Hochschule Jena). Die Einreichungen spiegeln die große Bandbreite an Gender- und Diversitätsperspektiven wider: Unter den eingereichten Arbeiten sind Master-, Diplom-, Staatsexamens- und Doktorarbeiten aus den Bereichen Kunst und Design, European Urban Studies, Soziale Arbeit, Fundamentaltheologie und Religionswissenschaft, Medizin, Sozialgeographie, Sport- und Bewegungspädagogik, Heilpädagogik, Lehramt Deutsch an Gymnasien, Sozialwissenschaftliche Stadtforschung, Erziehungswissenschaft, Sozialpädagogik und -management, Religionslehre, Systematische Theologie, Neuere Geschichte, Soziologie, Public Art and New Artistic Strategies, Gesellschaftstheorie, Interkulturelle Personalentwicklung und Kommunikationsmanagement vertreten.
ERSTER PLATZ
Der erste Platz 2025 wurde mit einem Preisgeld von 1.000,00 € an Lena Engel (Universität Erfurt) für die Masterarbeit „Gender in verflochtenen Zwangssystemen: Frauen aus kolonialen Kontexten Nordafrikas im KZ Buchenwald“ vergeben.
Kurzzusammenfassung der Masterarbeit „Gender in verflochtenen Zwangssystemen: Frauen aus kolonialen Kontexten Nordafrikas im KZ Buchenwald“ (Lena Engel):
„In 27 der bisher bekannten 141 Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald mussten 28.320 Frauen Zwangsarbeit leisten. Darunter befanden sich auch Frauen aus Nordafrika – vor allem aus Algerien, Ägypten und Marokko, die in der Forschung bisher kaum Beachtung fanden. Für meine Masterarbeit habe ich mich auf ihre Spuren begeben: Im Mittelpunkt stehen Taous Merouane, eine in Südfrankreich lebende Kabylin, und Marinette Ahmed, die Tochter eines algerischen Arbeiters in Lyon. Anhand ihrer Biografien erkunde ich die Schicksale rassifizierter Frauen im Nationalsozialismus und die Spezifika, die sich durch die Intersektionalität von race und gender ergeben. Wer waren diese Frauen? Was sind ihre Geschichten? Welche Rolle spielen Kolonialrassismen, Sexismen und deren Intersektionalität in den Lebensgeschichten der Frauen im kolonisierten Nordafrika, Vichy-Frankreich und Nazideutschland? Auf Grundlage ausführlicher Archivrecherchen in Deutschland und Frankreich sowie unter Anwendung der von der Literaturwissenschaftlerin Saidiya Hartman geprägten Methode der ‚critical fabulation‘ erarbeitete ich historisch fundierte Hypothesen, um nicht nur Schlaglichter im Leben der beiden Frauen, sondern auch den Wirkweisen von race und gender und deren Intersektionalität in der NS-Zeit zu beschreiben.“
ZWEITER PLATZ
Der zweite Platz wurde mit einem Preisgeld von jeweils 500,00 € an Dr. Carmen Gómez Vega (Bauhaus-Universität Weimar) für die Doktorarbeit „Stitches about our lives in times of pandemic: We go through the fabric and pull on the needle to take care of ourselves“ und an Nadine Held (Hochschule Nordhausen) für die Masterarbeit „Inklusive pädagogische Maßnahmen zur Unterstützung der Partizipation von Mädchen aus dem Autismus-Spektrum in der Adoleszenz“ vergeben.
Kurzzusammenfassung der Doktorarbeit „Stitches about our lives in times of pandemic: We go through the fabric and pull on the needle to take care of ourselves“ (Dr. Carmen Gómez Vega):
„Across history and cultures, women have engaged in textile practice as a means of caring for themselves and others. During the COVID-19 pandemic, however, its potential was constrained by the increased burden of unpaid care work they largely shouldered alone. This study explores the contribution of textile practice to women’s (self-)care through a methodology that combines reflective individual art practice with participatory textile making. It examines the researcher’s own textile practice and The Textile Workshop of Dapa, a shared space where women in this rural area of Colombia gathered to create textiles, share experiences, and exchange different types of knowledge during the health crisis. The findings show that textile practice enabled women to reclaim time and space for themselves through creative expression, strengthen community through the experience of creating side by side, preserve collective memory by sharing personal and family stories, deepen connections with the more-than-human world, and foster personal, communal, and partial economic empowerment. Participants further used digital tools to document and celebrate their territory through photographs and videos before engaging in textile work. The study highlights textile practice as a valuable approach to women’s (self-) care and calls for dedicated care spaces and policies that promote the recognition, reduction, and redistribution of unpaid care work to support a more equitable and sustainable future in times of crisis and beyond.“
Kurzzusammenfassung der Masterarbeit „Inklusive pädagogische Maßnahmen zur Unterstützung der Partizipation von Mädchen aus dem Autismus-Spektrum in der Adoleszenz“ (Nadine Held):
„Die Masterarbeit untersucht die Lebens- und Belastungserfahrungen autistischer Jugendlicher mit Bezug zur weiblichen Geschlechtszugehörigkeit (JwG). Im Mittelpunkt steht die Frage, wie inklusive Pädagogik Partizipation, Autonomie und Identitätsentwicklung unterstützen kann. Grundlage der qualitativen Studie sind leitfadengestützte Interviews mit sechs autistischen JwG, die mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker ausgewertet wurden. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass soziale Isolation, kommunikative Barrieren, Reizüberlastung, fehlende Anerkennung und normative Anpassungserwartungen die Teilhabe erheblich erschweren können. Insbesondere Masking und wiederholtes Nicht-Verstanden-Werden beeinflussen Selbstwahrnehmung, Identitätsbildung und Autonomie. Gleichzeitig zeigen sich individuelle Ressourcen und Resilienzprozesse. Für die heilpädagogische Praxis wird daraus ein subjekt-, beziehungs- und ressourcenorientierter Ansatz abgeleitet. Partizipation gelingt insbesondere dort, wo individuelle Wahrnehmungs- und Kommunikationsformen anerkannt, verlässliche Beziehungen geschaffen und Jugendliche aktiv an Entscheidungen beteiligt werden. Inklusion wird damit nicht als Anpassung des Individuums, sondern als Veränderungsauftrag an pädagogische und gesellschaftliche Strukturen verstanden.“


